Museum Wiesbaden

„Schenkung dokumentiert internationalen Rang des Landesmuseums“

Das Museum Wiesbaden erhält 83 Gemälde, Gouachen und Collagen des Künstlers Eduard Steinberg (1937-2012) geschenkt. Die Witwe des russischen Nonkonformisten, Galina Manewitsch, übergab die Werke heute in Anwesenheit der Hessischen Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Eva Kühne-Hörmann, dem Museumsleiter Dr. Alexander Klar.

In den nächsten zwei Jahren wird das Konvolut mit Unterstützung der Stifterin vom Büro Hans-Peter Riese, Nachlassverwalter und Freund von Eduard Steinberg, wissenschaftlich bearbeitet. Im Sommer 2015 wird das Ergebnis im Kölner Wienand Verlag publiziert und in einer Sonderausstellung im Museum Wiesbaden präsentiert.

„Eine derart umfangreiche und qualitätsvolle Schenkung dieses europaweit geschätzten Künstlers an das Museum Wiesbaden dokumentiert auf eindrucksvolle Weise, wie sehr die Sammlungen und die langjährige erfolgreiche wissenschaftliche Arbeit des Landesmuseums international geschätzt und wahrgenommen wird. Sie bedeutet gleichzeitig eine großartige Bereicherung des Wiesbadener Sammlungsschwerpunkts Konstruktivismus“, sagte Ministerin Kühne-Hörmann.

Museumsdirektor Dr. Klar hob hervor: „Ein so großes Vertrauen, das die Stifterin und Witwe des Künstlers, Galina Manewitsch, unserem Museum mit einer solch großherzigen Schenkung entgegenbringt, ist keineswegs selbstverständlich.“

Eduard Steinberg, dessen Werk in den großen Sammlungen Europas vertreten ist – darunter die Tretjakow Galerie in Moskau oder das Museum Ludwig in Köln – wurde 1937 als Sohn eines intellektuellen Dissidenten in Russland geboren. Nach der Rückkehr des Vaters aus der Lagerhaft musste sich die Familie außerhalb Moskaus, in dem südlich der Stadt gelegenen Dorf Tarusa, niederlassen. Unterrichtet von seinem Vater, wuchs Steinberg dort in Kreisen verfemter intellektueller Russen auf, was ihn nachhaltig prägen sollte.

Insbesondere der Kunst von Kasimir Malewitsch (1879-1935) verpflichtet, begann Steinberg ein vornehmlich auf geometrische Tendenzen ausgerichtetes, malerisch äußerst dichtes Werk. Er schließt formal, aber auch inhaltlich an die Kunst des Gründers des Suprematismus an und führt diese Richtung der Moderne wie kaum ein anderer Künstler in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts kreativ fort. Bemerkenswert ist die Methode, einfache geometrische Formen – wie Kreis, Quadrat, Kugel oder Dreieck – mit christlichen Symbolen wie dem Kreuz zu verbinden, um so seine bereits in den 1970er Jahren in Prag erstmals außerhalb Russlands ausgestellte, einzigartige „Meta-Geometrie“ zu entwickeln.

Aufgrund seiner problematischen Lebensumstände und der Abstraktion seiner Malerei beinahe jeglicher Ausstellungsmöglichkeit beraubt, blieb Steinberg bis 1989 im Untergrund der osteuropäischen Kunstszene ein Geheimtipp. Im Jahr des Mauerfalls erhielt er erstmals in Moskau eine Einzelausstellung, die unmittelbar ein großer Erfolg wurde. Trotzdem zog es ihn nach Paris, wo er sogleich bis zu seinem Tod von der Galerie Claude-Bernard vertreten wurde. Es folgten regelmäßig Ausstellungen in Deutschland, Russland und in der Schweiz (unter anderem 1992 Josef Albers Museum / Bottrop, 1999 Schloß Morsbroich / Leverkusen, 2000 Wilhelm Hack-Museum / Ludwigshafen, 2004 Staatliches Russisches Museum / St. Petersburg). In den Wintermonaten arbeitete er in Paris; in den Sommermonaten lebte er, um Inspiration für sein Werk zu erfahren, in seinem Heimatdorf Tarusa.

Die Schenkung setzt sich aus 68 Gemälden und 15 Gouachen/Collagen aus allen Schaffensphasen des Künstlers zusammen: Das Frühwerk ist mit dem noch figürlichen Gemälde „Blumenhändler“ aus den 1960er Jahren vertreten; der Übergang zur abstrakten, zunächst noch organischer Formensprache verpflichteten Kunst am Ende der 1960er Jahre mit einigen charakteristischen Beispielen und schließlich das kunsthistorisch bedeutsame geometrisch-abstrakte Werk mit dem Großteil der Bilder ab Mitte der 1970er Jahre. Bemerkenswert ist auch eine Mitte der 1980er Jahre entstandene, mehrteilige, lockere Folge an Bildern, in der sich der Künstler in Anlehnung an den „Bauern-Zyklus“ von Malewitsch intensiv mit dem Verschwinden des ursprünglichen russischen Dorfes beschäftigte.

Es handelt sich bei der Schenkung um ein vom Künstler selbst ausgewähltes Konvolut, das dieser über viele Jahre hinweg zusammenstellte, dem Kunstmarkt bewusst vorenthielt und nach seinem Tod in eine öffentliche, deutsche Sammlung überführt sehen wollte. Nachlassverwalter Riese sagte: „Es war erklärter Wille von Eduard Steinberg, dass an einem Ort zwischen Russland und Frankreich, zentral in Europa, sein künstlerischer Werdegang zur Gänze und vor allem nachvollziehbar abgebildet werden kann. Mit seinem Schwerpunkt auf internationale konstruktive Tendenzen unter anderem des Nachlasses von Friedrich Vordemberge-Gildewart ist das Museum Wiesbaden der ideale Ort für Steinberg.“

Dr. Roman Zieglgänsberger, Kustos für Klassische Moderne am Museum Wiesbaden, fügte hinzu: „Durch die Schenkung wird insbesondere der russische Schwerpunkt des Hauses gestärkt, weil Eduard Steinberg hinsichtlich seiner Verbindung von geometrischen formalen Aspekten mit religiösen Inhalten durchaus an die Werkgruppe der Konstruktiven Köpfe von Alexej von Jawlensky anknüpft.“

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