Interview

„Wertschätzung der Arbeit verbessern“

Interview mit Sozialminister Grüttner in der Offenbach Post vom 13. Mai 2014

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Portraitfoto von Stefan Grüttner
Stefan Grüttner, Hessischer Minister für Soziales und Integration
© Hessisches Ministerium für Soziales und Integration

„Die Rahmenbedingungen in der Pflege müssen verbessert werden“, fordern Sozialverbände. Auf welche Rezepte vertrauen Sie?
Wir sind hier in Hessen bereit, neue Wege zu gehen, um den Fachkräftebedarf auch in Zukunft zu decken. Da gehen auch von scheinbar „kleinen“ Projekten wichtige Impulse für die Zukunft aus. Wir haben zum Beispiel im Rahmen eines Modellprojektes 46 Krankenpflegekräfte für die Altenhilfe aus Spanien für Hessen gewinnen können, weil wir wissen, der Fachkräftebedarf der Zukunft ist nur zu decken, wenn wir kompetentes Personal aus dem Ausland zu uns einladen. Wir unterstützen außerdem zahlreiche Projekte, um für den Pflegeberuf zu werben und die auch zum Ziel haben, das Bild dieses Berufs und die Wertschätzung der Arbeit zu verbessern! Wichtig ist mir auch, zu vermitteln, dass der Pflegeberuf zukunftsfest ist, weil hier viel Personal gesucht werden wird und die Menschen, die diesen Weg gehen, mit hoher Sicherheit sehr gefragt sein werden. Und sie haben - was es in kaum einem anderen Beruf so gibt - die Chance, vom Altenpflegehelfer bis hin zum Studium „durchzumarschieren“, wenn sie das wollen.

Und die Impulse wirken?
Die Ausbildungszahl in der Altenpflege hat sich weiter verbessert. Mit 5 266 Altenpflegeschülerinnen und - schülern in Hessen wurde zum Stichtag 1. Oktober 2013 ein neuer historischer Höchststand in der Altenpflegeausbildung erreicht. 4237 Schulplätze werden durch das Land Hessen finanziert. Die Deckelung der vom Land finanzierten Schulplätze in der Altenpflegeausbildung wurde zum Schuljahr 2012/13 aufgehoben. Solche Initiativen sind die richtigen Schritte, um dem Fachkräftemangel zu begegnen.

Die Forderungen der hessischen Sozialverbände zielen vor allem auf die Bundesregierung. Welche neuen Anstrengungen plant die Landesregierung?
Ich plädiere dafür, die Frage der Ausbildung von Umschülern, die vom Arbeitsamt gefördert werden, anders zu regeln. Derzeit müssen die staatlich anerkannten Altenpflegeschulen ein aus fachlicher Sicht überflüssiges zusätzliches und kostenintensives Zertifizierungsverfahren nach den Vorgaben der Arbeitsverwaltung durchlaufen, obwohl bereits über das Bundesaltenpflegegesetz ein normiertes Verfahren besteht und sich die Umsetzung durch die Länder bewährt hat. Hessen und auch alle anderen Bundesländer wehren sich seit langem hiergegen. Aktuell gibt es erneut einen Vorstoß, diese Doppelstrukturen durch eine Gesetzesänderung im Bundesgesetz zu beseitigen. Zudem treiben wir den Ausbau von Senioren- und Generationenhilfen weiter voran. Und wir bieten mit dem Pflegemonitor ein Instrument, damit kontinuierlich Daten über die regionalen Pflegearbeitsmärkte in Hessen zur Verfügung stehen. Ziel ist es, allen Verantwortlichen zuverlässige Daten zum Beschäftigtenstand, zum Pflegearbeitsmarkt und zu künftigen Entwicklungen zur Verfügung zu stellen. So ermöglicht der Pflegemonitor eine vorausschauende Entwicklung des Pflegekräftepotentials. Unter www.hessischer-pflegemonitor.de finden sich weitere Informationen dazu. Wir sind das erste Bundesland, das einen Arbeitsmarktmonitor für die Versorgungsbereiche der Pflege in einen Dauerbetrieb überführt hat und diesen regelmäßig alle zwei Jahre fortschreibt. In Hessen besteht damit eine gemeinsame Planungs- und Handlungsgrundlage aller für den Pflegearbeitsmarkt verantwortlichen Partner.

Was planen Sie, um die vielen pflegenden Angehörigen besser zu unterstützen?
Nun, ich habe Ihnen ja aufgezeigt, wie wir uns einsetzen, welche Wege wir gehen und wie vielfältig unsere Unterstützung ist. Gemeinsam mit den Pflegekassen haben wir ein Modellprojekt „10 neue Standorte Pflegebegleiter“ in den Jahren 2010 bis 2012 gefördert. Im Rahmen dieses Modellprojektes wurden an diesen Standorten zahlreiche Menschen dafür qualifiziert, pflegende Angehörige zu begleiten, ihnen Zeit, Unterstützung und offene Ohren zu schenken sowie gegebenenfalls neue Wege zu unterstützenden Angeboten zu eröffnen. Das Modell trägt Früchte, die meisten Standorte arbeiten weiter. Unser Ministerium fördert aktuell außerdem mit 348000 Euro das Projekt „get up Hessen“ - gemeinsames Engagement im Umfeld von Pflege. So bringen wir frischen Wind in die Landschaft der Hilfen für hilfsbedürftige Menschen und pflegende Angehörige. Gemeinsam mit den Pflegekassen wurde ein Modellprogramm aufgelegt. Es geht darum, kreative Ideen freiwillig Engagierter im Umfeld der Pflege zu unterstützen und finanziell zu fördern. Die Koordinierungsstelle liegt bei der Diakonie Hessen.

Sie gehen aber auch auf Firmen zu ...
Genau, wir setzen uns gemeinsam mit unseren Kooperationspartnern dafür ein, Unternehmen für die Bedürfnisse von pflegenden Arbeitnehmern zu sensibilisieren und wollen weitere Unterstützer für die Charta „Beruf und Pflege vereinbaren“ gewinnen. Und eines ist ganz klar, wenn Menschen plötzlich selbst Pflegedienstleistungen in Anspruch nehmen oder sich um zu pflegende Angehörige kümmern müssen, sind plötzlich viele Fragen im Raum. Für den Fall stellen wir den Betroffenen ein breites Angebot zur Verfügung wie Pflegestützpunkte, Generationenhilfen oder auch das Internetangebot des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration unter www.pflege-in-hessen.de. Wir verstehen uns auch als Anlaufstelle für die Fragen der pflegenden Personen. Und wir verleihen seit 2004 jedes Jahr die Pflegemedaille als Dank und Anerkennung für den aufopferungsvollen und unschätzbaren Dienst an der Gesellschaft an pflegende Angehörige, denn sie sind ein großes Vorbild hinter den Kulissen.

Das Interview führte Peter Schulte-Holtey

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