Im Gespräch

"Ich mag vor allem Farben und Formen"

Frankfurt hofft auf Unterstützung für die Kultur aus Wiesbaden. Wissenschaftsminister Boris Rhein, seit Mitte Januar im Amt, dämpft im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Ausgabe vom 17. April 2014) allzu große Erwartungen. Und überrascht doch mit ein paar Vorhaben.

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Boris Rhein (l.) im Gespräch mit FAZ-Redakteur Hans Riebsamen.
Boris Rhein (l.) im Gespräch mit FAZ-Redakteur Hans Riebsamen.
© HMWK

Wann werden die Städtischen Bühnen Frankfurt ein Hessisches Staatstheater?
Haben die Städtischen Bühnen daran Interesse? Wir haben aus historischen Gründen drei Staatstheater in Wiesbaden, Darmstadt und Kassel, und das wird auch so bleiben.

Aber angesichts der knappen städtischen Mittel ist immer wieder davon die Rede, das Land müsse sich stärker an der Frankfurter Kultur beteiligen. Gibt es für die Theater in Hessens heimlicher Hauptstadt nicht wenigstens die Aussicht auf eine finanzielle Unterstützung aus Wiesbaden?
Dafür sehe ich im Augenblick keine finanziellen Spielräume. Die schwarz-grüne Koalition will 2019 den ersten ausgeglichenen Haushalt seit 50 Jahren vorlegen, deshalb muss auch das Land konsolidieren. Wir unterstützen die Stadt Frankfurt aber an vielen anderen Stellen massiv, denken Sie nur an die zwei Milliarden Euro, die wir dort in den Campus investiert haben.

Das betrifft nicht die Kultur im engeren Sinn ...
Das eine hängt mit dem anderen schon zusammen, es handelt sich schließlich um ein und denselben Etat. Das Land wird sich in vielerlei Hinsicht auch in Zukunft sehr intensiv an der Kultur in Frankfurt beteiligen. Nicht einfach so von der Hand zu weisen ist beispielsweise die Frankfurter Bitte um eine finanzielle Beteiligung an der Städelschule.

Weil die Städelschule schließlich eine Staatliche Kunsthochschule ist?
Ja, deshalb sind Forderungen der Städelschule nach einer finanziellen Förderung durch das Land auch nicht abwegig. Außerdem erkenne ich die große Leistung der Städelschule an. Insgesamt trifft es keineswegs zu, dass wir in Frankfurt zu wenig investieren. In Nordhessen hat man immerhin den Eindruck, es werde alles Geld nach Frankfurt gepumpt. Bislang hat übrigens ausschließlich das Land Kultur an den Frankfurter Kulturcampus gebracht: 70 Millionen Euro für den Umbau der Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung, 21 Millionen Euro für den Umbau der Alt-Pharmazie zum Biodiversität- und Klima-Forschungszentrum und weitere 21 Millionen Euro für den ersten Bauabschnitt der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst - einschließlich der Studiobühne. Ich finde, das kann sich sehen lassen!

Das Kulturcampus-Projekt ist dennoch ins Stocken geraten. Hat der Neubau der Musikhochschule mittelfristig überhaupt noch eine Chance?
Es gibt für alle hessischen Hochschulbauten eine gute Perspektive - und zwar weil wir nach dem ersten Bauprogramm für drei Milliarden Euro ein weiteres für eine Milliarde Euro anschließen werden. Was die HfMDK anbelangt, bereiten wir derzeit einen Architektenwettbewerb für den ersten Bauabschnitt in Bockenheim vor. Der Wettbewerb wird auch Ideen für einen zweiten Bauabschnitt enthalten. Auf dieser Grundlage können wir dann planen. Mit dem Bau der Probebühne eröffnen wir dem gesamten Kulturcampus eine Perspektive.

Braucht die Musikhochschule denn unbedingt ein neues Gebäude?
Es gibt einen Flächenbedarf, der ganz objektiv ermittelt wurde. Die Hochschule ist ein Juwel, und deswegen liegt uns ihre Entwicklung auch am Herzen.

Geht es im Augenblick nicht vor allem darum, den bestehenden kulturellen Institutionen das Überleben zu sichern?
Wir werden eine Bestandsaufnahme der kulturellen Aktivitäten in ganz Hessen vornehmen. Dabei wird es darum gehen, wie wir mit den Herausforderungen der Demographie und des veränderten Kulturverhaltens von Bürgern umgehen. Natürlich stellen sich auch finanzielle Fragen: Was ist Sache des Landes, der Kommunen oder von Stiftern? Was sollen unsere Schwerpunkte sein, wo sind unsere Gestaltungsspielräume?

Schauen Sie eigentlich manchmal neidisch auf Bayern, weil der Freistaat anscheinend kulturell aus dem Vollen schöpfen kann?
Keineswegs! Wir haben doch in vielerlei Hinsicht die Nase vorn, wenn wir etwa an die Schlösser und Gärten denken oder an unsere Weltkulturerbestätten. Wir müssen das nur noch besser vermarkten. Schauen Sie unsere Landesmuseen an. Was die zu bieten haben, ist große Klasse. Allein hier in Wiesbaden gibt es eine großartige Ausstellung nach der anderen. Oder nehmen Sie das Hessische Landesmuseum Darmstadt. Ich war überwältigt, was wir an Schätzen haben. Nach seiner Wiedereröffnung wird es eines der Flaggschiffe unserer Kulturlandschaft.

Ist zu wenig bekannt, was Hessen kulturell alles zu bieten hat?
Wir versäumen es, auf die kulturellen Schätze unseres Landes hinzuweisen. Ich halte es für eine wichtige Aufgabe des Kunstministers, die Menschen darauf aufmerksam zu machen, was wir zu bieten haben. Ich sehe mich als Botschafter und Lobbyist für unsere kulturellen Schätze.

Wollen Sie damit auch die hessische Identität fördern?
Gerade die Kultur kann hier eine besondere Rolle spielen. Wir haben eine polyzentrische Struktur, das macht gerade unser Land so reizvoll, weil wir so viele verschiedene Schätze haben. Das geht vom Weltkulturerbe Kloster Lorsch über die Keltenwelt am Glauberg bis nach Nordhessen, wo wir in Kassel die drittgrößte Museumslandschaft in Deutschland haben. Allerdings müssen wir dafür sorgen, dass die Menschen auch wissen, dass es das und noch viel mehr gibt.

Die Kasseler Documenta ist neben der Biennale in Venedig das wichtigste internationale Kunstereignis. Warum bringt es nur kaum jemand mit Hessen in Verbindung?
Das hängt damit zusammen, dass die Documenta nur alle fünf Jahre stattfindet. Es ist ein Ziel dieser schwarz-grünen Koalition, in Kassel ein Documenta-Institut einzurichten, das die Documenta auch während dieser fünf Jahre erlebbar macht.

Thema Raubkunst. Wie geht die Landesregierung damit um?
Hessen hat hier - wie alle Länder - eine hohe Verantwortung. Bund und Länder müssen eine Lösung des Problems anbieten. Für mich heißt das: Es gibt eine Pflicht zur Provenienzforschung.

Was planen Sie genau?
Ich möchte für Hessen eine zentrale Einrichtung des Landes für die Provenienzforschung schaffen.

Wollen Sie diese Einrichtung an eine Universität angliedern?
Eher an eines der Landesmuseen. Vielleicht siedeln wir sie auch im Ministerium für Wissenschaft und Kunst an. Das steht noch nicht fest. Personell haben wir bereits die notwendige Vorsorge getroffen. Eines der Ziele muss sein, dass in Hessen verlässlich die Herkunft verdächtiger Kunstwerke untersucht wird. Ein anderes, dass rechtlich verbindliche Lösungen gefunden werden, wenn Raubkunst entdeckt wird.

Das Problem soll also nicht ausgesessen werden?
Nein, im Gegenteil. Wir stellen uns in Hessen aktiv der Herausforderung. Für Hessen heißt das, dass zuvörderst in den Landesmuseen geforscht werden muss. Wir planen aber auch, kleineren, kommunalen Museen personelle Unterstützung anzubieten.

Werden die Museen mitziehen?
Bei den Landesmuseen habe ich da keine Bedenken, deren Leiter werden dabei sein. Es wäre für die Häuser doch ein viel größerer Schaden, wenn ein Erbe ein geraubtes Kunstwerk entdeckt und Ansprüche erhebt, als wenn ein Museum selbst Raubkunst aufspürt und sich um eine Lösung kümmert. Nach den bisherigen Erfahrungen findet man mit den Erben meistens eine gute Regelung: Oft überlassen diese das betreffende Kunstwerk dem Museum als Dauerleihgabe.

Würden Sie hessische Museen unterstützen, wenn sie von anderen Museen Werke zurückfordern, die ihnen damals von den Machthabern als "entartete Kunst" weggenommen wurden?
Wir sollten jedenfalls wissen, welche Bilder einem Museum damals als "entartete Kunst" entwendet wurden und in welchem Museum sie heute hängen. Ich glaube aber nicht, dass es sinnvoll wäre, hier ein Karussell der Rückgabe in Gang zu setzen. Die betreffenden Kunstwerke werden ja in Museen ausgestellt und sind der Öffentlichkeit zugänglich.

Welche persönlichen Kulturinteressen hat eigentlich der neue Kulturminister Boris Rhein?
Ich bin mit großer Begeisterung Minister für Wissenschaft und Kunst. Ich mag persönlich Malerei und Architektur sehr, ganz besonders Farben und Formen. Außerdem liebe ich Musik, vor allem klassische Musik. Früher spielte ich im Schulorchester Waldhorn. Als ich damals einmal einen Auftritt verhauen hatte, hat mich der Orchesterleiter mit dem Satz getröstet: "Das Horn erschuf Gott im Zorn."

Die Fragen stellten Michael Hierholzer und Hans Riebsamen.

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