"EU ist nicht erfahrbar"

Mark Weinmeister im Interview mit EXTRA-Tip über die Stimmung nach der Europawahl, Euro-Kritiker und die Rolle Deutschlands.

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Porträtfoto von Staatssekretär Mark Weinmeister
© Staatskanzlei

Sie kommen gerade aus Brüssel. Wie ist die Stimmung nach einer Europawahl, die in vielen Ländern die Europagegner gestärkt hat?
Weinmeister: Sehr unterschiedlich. Die Franzosen sind natürlich bestürzt über den Erfolg des rechtspopulistischen Front National. Aber das war klar eine innenpolitische Wahl. Dort wächst die Europaskepsis, weil es wirtschaftlich nicht läuft.

Aber auch in Deutschland konnte die eurokritische AfD rund sieben Prozent der Stimmen gewinnen.
Weinmeister: Ach, da rate ich zur Gelassenheit. 90 Prozent der Deutschen sind nach wie vor für den Euro. Wir Deutschen profitieren doch von der EU ganz besonders. Es wäre jetzt völlig falsch, den Kritikern hinterher zu laufen.

Trotzdem, der Eindruck bleibt, dass die Europaskepsis auch in Deutschland wächst. Warum fällt es der Politik so schwer die Menschen von der EU zu überzeugen?
Weinmeister: Ein Beispiel: Dass innerhalb der EU die Konflikte nicht mehr mit Waffen ausgetragen werden, wird nicht mehr als Wert wahrgenommen. Dabei sehen wir gerade in der Ukraine wie wichtig das immer noch ist.

Aber das alleine ist doch nicht der Grund für die Verdrossenheit?
Weinmeister: Die Menschen brauchen einen emotionalen Zugang zur EU. Wir müssen nicht nur den Kopf, sondern auch den Bauch ansprechen. Dann ist Brüssel bewusst erfahrbar. (…)

Wirkt Deutschland nicht einfach zu dominant auf viele Menschen in der EU?
Weinmeister:Wenn wir von anderen verlangen Strukturen zu ändern, löst das natürlich keine Begeisterung aus. Richtig ist: Viele schauen mit gemischten Gefühlen auf uns.

Was folgt daraus?
Weinmeister: Wir müssen solidarisch sein und mit mehr Augenmaß vorgehen als andere. Ich wünsche mir eine enge Zusammenarbeit zwischen Deutschland, Frankreich und Polen. Wir haben viele Gemeinsamkeiten mit den nordischen Ländern, Frankreich mit den südlichen Ländern und die Polen verstehen wie die neuen Mitgliedstaaten ticken.

Wie sieht die EU in zehn Jahren aus?
Weinmeister: Die EU muss sich jetzt konsolidieren. Wir werden keine großen Regulierungen haben. Die Banken- Union muss zu Ende geführt werden. Wichtig wäre auch, dass wir eine bessere gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik hinbekommen. 

Das Interview führte Andreas Bernhard

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