Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

„Das geht nicht so schnell“

Mathias Samson, Staatssekretär im hessischen Verkehrsministerium, beschäftigt sich seit 2004, als er im Bundesressort war, mit E-Mobilität. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (Ausgabe 17.09.2017) beantwortet er die Fragen von Mechthild Harting.

Seit Fahrverbote drohen, gilt das Elektroauto als Heilsbringer. In Frankfurt gibt es aber derzeit nur 668 Fahrzeuge. Das klingt nach einer Phantomdiskussion.

Natürlich bekommen wir mit dem Elektromotor nicht von heute auf morgen alle Probleme gelöst. Aber ohne einen Ausbau der E-Mobilität werden wir die Verkehrswende nicht hinbekommen. Und die brauchen wir, um Mobilität auch in Zukunft zu sichern, die Luftverschmutzung und den Verkehrslärm in den Innenstädten in den Griff zu bekommen. Und wenn ich auf die Automobilbranche und die vielen Arbeitsplätze schaue, dann wird mir ganz anders, wenn ich sehe, dass China und Japan, die zentrale Märkte sind, auf Elektromobilität setzen und wir hinterherhinken.

Das Thema kommt beim Verbraucher, auf der Straße aber nicht an.

Die ersten praktischen Versuche der deutschen Autobauer zur Elektromobilität gab es vor mehr als 40 Jahren auf der Insel Rügen. Aber erst seit einigen Jahren, seit der Entwicklung der Lithium-Technologie vor allem für Handys, hat die Elektromobilität eine ganz neue Dynamik bekommen. Nun gibt es eine belastbare Perspektive auch für Autoantriebe.

Die aber noch nicht marktreif sind. Am Ende ist entscheidend, dass die Automobilindustrie Autos auf den Markt bringt, die bezahlbar sind, in die man gerne einsteigt. Dafür brauchen wir Schritt für Schritt mehr Ladesäulen. Fakt ist: Die Industrie verdient im Augenblick mit den konventionellen Autos noch sehr viel Geld. Einerseits wird sie das auch brauchen, weil die Umstellungskosten immens sein werden. Anderseits hat sie die Umstellung wegen der hohen Gewinne zu lange herausgezögert.

Dann kommt der aktuelle Elektrofahrzeug-Hype zur falschen Zeit?

Die Automobilindustrie ist nicht nur wie ein Tanker, sondern es braucht tatsächlich Zeit zum Umsteuern. Es ergeben sich ganz andere Produktionen und Wertschöpfungsketten. Das geht nicht mal eben so schnell. Das zentrale Bauteil ist natürlich die Batterie. Künftig werden sich die Autos darin unterscheiden, wie weit sie reicht und wie schnell sie nachlädt.

Was ist, wenn das Wiesbadener Verwaltungsgericht Ende des Jahres Fahrverbote für Dieselfahrzeuge in Frankfurt, Darmstadt und in Wiesbaden verhängt?

Fahrverbote wollen wir verhindern. Ziel muss immer sein, Mobilität zu ermöglichen. Aber wegen der aktuellen Stickoxidprobleme in deutschen Städten, die schwerwiegend genug sind, kann man einerseits nicht mal einfach alles auf Elektromobilität umstellen. Anderseits gibt es aber perspektivisch dazu keine vernünftige Alternative.

In Frankfurt sind derzeit 320 000 Autos gemeldet, Wann werden daraus Elektrofahrzeuge geworden sein?

Ich bin fest überzeugt: Es gibt den Tag, an dem in Frankfurt alle Fahrzeuge elektrisch fahren werden, auf welcher Basis auch immer. Es ist gleichgültig, ob das 2030, 2040 oder 2050 sein wird. Die Strukturen müssen dafür geschaffen werden. Wenn derzeit in einer Straße zehn Leute gleichzeitig eine Schnellladung einfordern, geht das Stromnetz noch in die Knie. Also muss das Netz ertüchtigt werden. Wie das gehen kann, daran arbeiten auch wir gerade bei uns im Ministerium. Aber dazu gehört natürlich noch mehr, da müssen auch die Kommunen mitziehen. Frankfurt sucht derzeit nach einem neuen Wohngebiet. Das ist auch eine Chance für neue Technologien. Es muss selbstverständlich werden, dass alle Häuser in diesem Gebiet eine Ladestation und einen Glasfaser-Anschluss haben.

Fast 90 Prozent der Frankfurter wohnen im Geschosswohnungsbau. Was machen diese Großstädter?

In den bestehenden Vierteln wird es noch etwas dauern, ehe es dort die richtige Infrastruktur gibt. Keine Frage. Jeder, der sich heute ein E-Auto kauft, weiß: Ohne eine eigene Garage wird das Laden relativ aufwendig. Elektromobilität wird sich nicht überall gleich schnell entwickeln. Das ist der normale sukzessive Einstieg in diese neue Form der Mobilität.

Der Städter kann also nicht umsteigen?

Die angestrebte Verkehrswende hat viele Facetten. Der Umstieg auf Elektromobilität ist nur eine davon. Eine andere ist ein verändertes Mobilitätsverhalten. Es wird mehr Rad gefahren, öffentlicher Nahverkehr genutzt, es gibt mehr Carsharing. Die Leute, die dann noch ein Auto brauchen, steigen um. Ich bin überzeugt, dass das Auto auf dem Land eine viel stärkere Bedeutung behalten wird als in den urbanen Stadtteilen.

Entwerfen Sie mir doch einmal die Vision, wie meine Tochter im Jahr 2050 in Frankfurt leben wird.

Wenn sie in einem neuen Stadtteil wohnt, fährt sie jeden Abend in eine Garage mit Induktionschleife und parkt ihr Auto darauf. Das wird dann, während sie zu Hause ist, aufgeladen. Schnurlos. Das geschieht in der Regel nachts, wenn am meisten Windstrom im Netz ist. Sie nutzt dann nur erneuerbare Energie, fährt quasi emissionsfrei.

Wenn sie aber im Frankfurter Nordend wohnen möchte, was ist dann?

Wenn sie irgendwo mittendrin wohnt, wird sie 2050 ein Elektroauto mit einer so großen Reichweite haben, dass sie nicht mehr täglich laden muss. Es wird vielleicht ausreichen, wenn sie beim Arbeitgeber tankt oder in der Tiefgarage des Supermarkts, während sie einkauft. Vielleicht ist sogar das Laden direkt vor ihrem Haus möglich, wenn dort ein Parkplatz ist, den nur Elektrofahrzeuge benutzen können, mit einer Induktionsschleife im Bürgersteig oder auf der Fahrbahn. Die Technik gibt es bereits. Die Frage ist nur, wann sie in der Breite zum Durchbruch kommt.

Wann steigt die Automobilindustrie richtig in diesen Strukturwandel ein?

Das ist offen, aber sie könnte es. Die Automobilindustrie hat die Macht und die Kenntnisse, wie man Märkte entwickelt. Schließlich ist es ihr in den vergangenen Jahren allein über Marketing und Werbung gelungen, dem Großstädter den Eindruck zu vermitteln, er brauche
einen SUV, ganz schwer, mit hohen Reifen und einem extrem hohen Verbrauch. Wer das erreicht, kann auch vermitteln, dass es eine gute Idee ist, Elektroauto zu fahren.