Hessisches Kultusministerium

„Hessens Schulen zukunftsfähig gestalten“

- Es gilt das gesprochene Wort! -

Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen,

unsere Schulen sind wieder Orte, an denen sich unsere Schülerinnen und Schüler gerne fürs gemeinsame Lernen aufhalten. Ich bin dankbar für die wertvolle Arbeit, die tagtäglich an unseren Schulen geleistet wird, und ich bin dankbar, dass nach vielen Monaten der Belastungen durch die Pandemie die für die Schulen geltenden Einschränkungen schon im letzten Schuljahr schrittweise zurückgenommen werden konnten. Dass die Schulen wieder ohne Maskenpflicht auskamen, dass der Ganztag und der Sportunterricht wieder ohne Einschränkungen stattfinden konnten und endlich wieder gesungen und musiziert werden durfte, das war für uns alle eine große Erleichterung.

Mit diesem Schwung und dieser wiedergewonnenen Normalität sind die Schulen auch in das neue Schuljahr gestartet. Mein Ziel ist und bleibt, diese Normalität so lange aufrechtzuerhalten, wie dies epidemiologisch vertretbar ist. Das heißt Präsenzunterricht ohne Maskenpflicht, natürlich mit der Möglichkeit, freiwillig Mund und Nase zu bedecken, und, jedenfalls bis zu den Osterferien, freiwillige Angebote zum Testen zuhause.

Zwei Krisenjahre liegen hinter uns; sie haben Spuren hinterlassen und Kraft gekostet. Ich danke im Namen der Hessischen Landesregierung und ganz persönlich allen Schulleitungen, allen Lehrkräften und allen, die sonst noch für die Schülerinnen und Schüler an unseren Schulen arbeiten, für ihren unermüdlichen Einsatz, für ihren Pragmatismus und ihre Kreativität. Ich danke auch den Schülerinnen und Schülern und ihren Eltern für ihr Verständnis und ihr Engagement. Wir haben diese zwei Jahre gemeinsam gut gemeistert. In dem Geiste, gemeinsam Herausforderungen anzupacken, werden wir auch das kommende Schuljahr gut bestehen. Wir wissen noch nicht, wie sich die Pandemie entwickeln wird, und der verbrecherische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat Folgen auch für unsere Schulen. Und trotzdem können wir mit Zuversicht auf das kommende Schuljahr blicken.

Niemals zuvor wurden in Hessen in so kurzer Zeit so viele Schülerinnen und Schüler als Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger ohne Deutschkenntnisse in unsere Schulen aufgenommen. Fast 13.000 ukrainische Kinder und Jugendliche nehmen seit Anfang März an Intensivsprachfördermaßnahmen teil. Und niemals zuvor haben wir innerhalb weniger Wochen so viele neue Intensivklassen schaffen müssen. Es sind allein 840 zusätzlich seit dem Beginn des Krieges. Im neuen Schuljahr haben wir insgesamt fast 1.900 Intensivklassen eingerichtet, an denen über 30.000 Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger aller Nationen unterrichtet werden – so viele wie nie zuvor. Dass dies weitgehend reibungslos gelingen konnte, ist ein Erfolg des von der Landesregierung eingeführten schulischen Gesamtsprachförderkonzepts und des Engagements unserer Schulen. Fast 3.000 Stellen stehen zur Umsetzung dieses Gesamtsprachförderkonzepts zur Verfügung. Wir haben unsere Erfahrungen aus der großen Fluchtbewegung der Jahre 2015 und 2016 zur gezielten Weiterentwicklung unserer erfolgreichen Maßnahmen genutzt.

Integrationspolitisch bleibt unsere Linie klar: Der Erwerb der deutschen Sprache ist das A und O auch für den Bildungserfolg der ukrainischen Flüchtlinge. Er steht daher im Mittelpunkt unserer Bemühungen an den Schulen.

Das Schuljahr 2022/2023 wird weiter von Krisen überschattet sein. Und dennoch haben wir die Kraft, bildungspolitisch klare Akzente zu setzen, die weit über die bloße Krisenbewältigung hinausreichen und die Qualität der schulischen Bildung und Erziehung weiter erhöhen.

Ich nenne dabei zuerst die weitere Stärkung der Bildungssprache Deutsch als Schlüssel zu einem gelingenden Leben in Deutschland und zu gesellschaftlicher Teilhabe. Seit 1999 hat die Hessische Landesregierung einen klaren Fokus auf die Vermittlung und das Erlernen der deutschen Sprache gelegt. In meiner Amtszeit als Kultusminister und als Präsident der Kultusministerkonferenz habe ich die Stärkung der Bildungssprache Deutsch zu einem meiner Schwerpunkte gemacht. Allein seit Beginn der laufenden Legislaturperiode wurden für diesen Zweck im Landeshaushalt insgesamt rund 600 Stellen zusätzlich bereitgestellt. Mit diesen Ressourcen konnten wir die Vorlaufkurse für die, die sonst nicht ausreichend Deutsch beherrschen würden, zur Pflicht erheben, die Deutschförderkurse ausbauen und in den dritten und vierten Klassen der Grundschulen je eine zusätzliche Deutschstunde einführen.

Nicht alles ist nur eine Ressourcenfrage. Mir geht es auch darum, was im Unterricht geschieht, und darauf zu schauen, wie wir durch Qualitätsverbesserungen im Unterricht die Deutschkompetenzen der Schülerinnen und Schüler stärken können. Aus unserem Maßnahmenpaket zur Deutschförderung setzen wir in diesem Schuljahr weitere Bausteine konsequent um. Ich nenne die verbindliche Nutzung des Grundwortschatzes und die Verbindlichkeit einer verbundenen Handschrift, weil es auch in Zeiten zunehmender Technisierung eine Kulturtechnik bleibt und die Feinmotorik schult, mit der Hand zu schreiben. Und ich nenne die verbindliche Einführung einer pädagogisch motivierten Fehlerkorrektur als pädagogisches Konzept, das den Schülerinnen und Schülern helfen wird, die deutsche Rechtschreibung besser zu erlernen und sicherer zu beherrschen.

Ein weiterer Schwerpunkt, bei dem es mir darum geht, die Schulen qualitativ voranzubringen, ist die Digitalisierung. Neue Technologien machen Lehren und Lernen nicht nur zeitgemäßer, sie enthalten auch ein nicht zu unterschätzendes Entlastungspotential für unsere Lehrkräfte. In den vergangenen Jahren haben Hessens Schulen große Fortschritte bei der Digitalisierung gemacht. Dies betrifft sowohl die technische Ausstattung als auch die Unterrichtsgestaltung. Klar ist aber auch, dass wir weitere Anstrengungen im Rahmen unserer Strategie „Digitale Schule Hessen“ unternehmen. Wir verfolgen dabei einen klaren Kurs, damit pädagogische Unterstützung, gut ausgebildete Lehrkräfte, Medienkompetenz, Jugendmedienschutz und IT-Infrastruktur im Sinne eines ganzheitlichen pädagogischen Ansatzes im Unterricht ineinandergreifen und für unsere Schülerinnen und Schüler wirksam werden. Ich möchte hier einige Maßnahmen nennen:

Digitale Kompetenzen sind für Schülerinnen und Schüler, für Eltern, aber natürlich auch für Lehrkräfte elementar wichtig. Ich freue mich daher darüber, wie stark unsere Fortbildungen genutzt werden. Allein seit März 2020 haben rund 50.000 Lehrkräfte an akkreditierten Fortbildungen im Bereich der Digitalisierung teilgenommen. Mit dem neuen Hessischen Lehrkräftebildungsgesetz haben wir Medienbildung und Digitalisierung als Querschnittsthemen in allen Phasen der Lehrkräftebildung verankert.

Wir fördern Schulen auf ihrem Weg zu Zentren für digitale Unterrichtspraxis, damit sie ihre Erfahrungen durch Hospitation, Unterstützung und Beratung allen hessischen Schulen zur Verfügung stellen können. Das ist gleichzeitig eine zusätzliche Möglichkeit für Schulen von den Chancen als Pädagogisch selbstständige Schule Gebrauch zu machen.

Die hessischen Schulen sind auf dem besten Wege ins digitale Zeitalter. Mit der Erprobung des neuen Schulfachs „Digitale Welt“ schaffen wir die Voraussetzungen, damit Schülerinnen und Schüler auf Basis informatischer Grundkenntnisse lernen, wie digitale Technologien zur Lösung sozialer, ökonomischer und ökologischer Problemstellungen beitragen können. Gemeinsam mit zwölf Pilotschulen und 70 Klassen entwickeln wir die Unterrichtsinhalte und legen damit den Grundstein zum Aufbau eines neuen Schulfachs für das digitale Zeitalter.

Im Grundschulbereich besucht der „Digitaltruck“ als rollendes Klassenzimmer Grundschulen in ganz Hessen, um frühzeitig das Interesse von Grundschülerinnen und Grundschülern an den Möglichkeiten neuester Technik zu wecken.

Zur beruflichen Orientierung haben wir ein neues Informations- und Mitmachangebot gestartet. Das Besondere an der Initiative „Deine Zukunft #real:digital“ ist, dass junge Digital-Coaches mit dem mobilen Angebot direkt zu den Schülerinnen und Schülern ins Klassenzimmer kommen. Die Jugendlichen erkunden so praxisnah, welche wesentliche Rolle Technologien für viele Berufsbilder und insbesondere die duale Berufsausbildung spielen.

Das Schulportal Hessen ist als Schul-Cloud ein wesentlicher Baustein der pädagogischen Arbeit unserer hessischen Lehrkräfte. Über 1.700 Schulen und mehr als 830.000 Personen verwenden mittlerweile das Schulportal Hessen, dessen Anwendungen stetig ausgebaut werden.

Die Beratungsstelle Jugend & Medien Hessen hat vor wenigen Tagen ihre Arbeit aufgenommen. Sie bündelt Informationen über schulische und außerschulische Angebote zur Medienkompetenzförderung und informiert Eltern, Kinder und Jugendliche sowie Lehrkräfte rund um das Thema Mediennutzung.

Mit dem Projekt „Digitale Drehtür“, das wir gemeinsam mit der Philipps-Universität Marburg und der Justus-Liebig-Universität Gießen gerade gestartet haben, werden Schülerinnen und Schüler mit spezifischen Begabungen gefördert.

Bei alledem bleibt die Gewinnung von Lehrkräften eine zentrale Aufgabe, der wir uns seit vielen Jahren engagiert annehmen und bei der wir eine Menge Erfolge vorzuweisen haben.

Hessen stellt in diesem Schuljahr rund 55.680 Lehrerstellen bereit. Dies sind über 5.000 Stellen mehr als bei meinem Amtsantritt als Kultusminister im Jahr 2014. Die Zahl der Lehrerstellen steigt damit auf ein Allzeithoch.

Seitdem die schwarz-grüne Landesregierung bildungspolitische Verantwortung trägt, ist der Bildungsetat um fast 40% gestiegen. Mit rund 4,8 Milliarden Euro ist er in diesem Haushaltsjahr abermals auf Rekordniveau.

Wir haben eine klare Agenda, wie wir den gestiegenen Einstellungsbedarf decken können. Wir haben Maßnahmen eingeleitet, die kurzfristig greifen, wie die Reaktivierung von Pensionärinnen und Pensionären, die den Schulen mit all ihrer Erfahrung guttun. Und wir haben Maßnahmen ergriffen, die uns mittel- und langfristig helfen, wie die Erhöhung der Studienplatzkapazitäten. Allein im Grundschulbereich haben wir die Zahl der Studienplätze um mehr als 50% gesteigert. Auch im Förderschulbereich treiben wir den Studienplatzausbau weiter voran. So ist es gelungen, die Einführung eines Studiengangs Lehramt für Förderpädagogik an der Universität Kassel auf den Weg zu bringen. Zum Wintersemester 2023/2024 werden sich dort die ersten Studierenden einschreiben.

Wir haben Weiterbildungsmöglichkeiten geschaffen, um Lehrkräfte aus Haupt- und Realschulen sowie aus Gymnasien zu Grund- oder Förderschullehrkräften weiterzubilden. Lehrkräfte aus Förderschulen werden in anderen Fachrichtungen weitergebildet, um die Lehrbefähigung für weitere Förderschwerpunkte zu erwerben.

Für die beruflichen Schulen unterstützen wir die Lehrkräftegewinnung außerdem durch Anwärtersonderzuschläge, berufsbegleitende Weiterbildungsmaßnahmen und eine bundesweit einzigartige Masterförderung. Was wir im vergangenen Jahr an den Universitäten Darmstadt und Kassel für Master-Studierende der Fachrichtungen Metall- und Elektrotechnik als Pilotprojekt begonnen haben, weiten wir zum kommenden Semester auf die Fachrichtungen Informatik, Chemietechnik und Gesundheit aus.

Auch im neu begonnenen Schuljahr gehen wir konsequent den Weg weiter, gezielt weitere Berufe und Berufsbilder an den Schulen zu verankern. Unsere Lehrerinnen und Lehrer sind auch Lebensbegleiter und Perspektivgeber für ihre Schülerinnen und Schüler. Das hat uns die Zeit der Pandemie mehr als deutlich vor Augen geführt. Sie tragen damit eine Verantwortung, die auf mehrere Schultern verteilt werden muss. Multiprofessionalität ist hier das Stichwort. 980 Stellen stehen für sozialpädagogische Fachkräfte aktuell bereit. Durch das Landesprogramm „Starke Heimat Hessen“ werden den Schulträgern im Jahr 2023 20 Millionen Euro und im Jahr 2024 25 Millionen Euro zur Verfügung stehen, um rund 500 Verwaltungsstellen an den Schulen neu zu schaffen.

Vielen Schülerinnen und Schülern stecken die beiden Pandemiejahre noch in den Knochen. Mit unserem Landesprogramm „Löwenstark – der BildungsKICK“ haben wir bereits seit einem Jahr vielfältige Möglichkeiten eröffnet, um gezielt Rückstände aufzuholen und einen Ausgleich zu schaffen. Die Zwischenevaluation des Programms zeigt: Unsere Schulleiterinnen und Schulleiter halten diesen Weg für den richtigen und sind zufrieden mit der flexiblen Verwendung der Mittel. Über 80% der befragten Schulleiterinnen und Schulleiter gaben an, die Mittel zur Förderung in den Kernfächern Deutsch und Mathematik eingesetzt zu haben, mehr als die Hälfte haben unterrichtsergänzende Förderangebote und eine Lernbegleitung im Unterricht, z. B. durch Doppelsteckung, eingerichtet. Bewegung, Sport und kulturelle Bildung unterstützen die Lernmotivation der Schülerinnen und Schüler und stärken Zuversicht und Selbstvertrauen. Auch diese Themen haben daher ihren festen Platz bei Löwenstark. Aufholen nach Corona bleibt ein großes Thema im neuen Schuljahr und sicherlich auch im Schuljahr 2023/2024 wichtig.

Der Ausbau ganztägiger Angebote nach den Prinzipien der Freiwilligkeit und Angebotsvielfalt ist ein weiterer zentraler Baustein der hessischen Schulpolitik. Der Ministerpräsident hat in seiner Regierungserklärung zu Beginn seiner Amtszeit den Weg dazu beschrieben. 4.331 und damit erneut 350 Stellen mehr als im vergangenen Schuljahr stellt das Land in diesem Schuljahr für ganztägige Angebote an 1.298 Schulen bereit. Das sind weit mehr als doppelt so viele Stellen wie zu Beginn der vergangenen Legislaturperiode. Rund 70% der Grundschulen und verbundenen Grundschulen arbeiten bereits ganztägig. Im weiterführenden Bereich sind es über 92%. Mit Blick auf den Rechtsanspruch auf ganztägige Förderung von Kindern im Grundschulalter sind wir in Hessen auf einem guten Weg und bleiben im Dialog mit den Trägern, vor allem unseren kommunalen Partnern.

Sie können an alledem sehen: Schule im Schuljahr 2022/2023 ist viel mehr als Pandemiebewältigung. Lassen Sie mich zum Schluss aber doch noch einmal auf die Pandemie zurückkommen und wiederholen: Mein Ziel ist und bleibt es, dem Recht der Kinder und Jugendlichen auf schulische Bildung und Erziehung bestmöglich Rechnung zu tragen, und das heißt, so viel schulische Normalität wie möglich und infektiologisch vertretbar aufrechtzuerhalten. Zum Beginn dieses Schuljahres ist das gelungen, und die Entwicklung der Pandemie hat es zugelassen. Wir sind zuversichtlich, dass wir diesen Weg weitergehen können. Wir wären aber auch vorbereitet, wenn doch wieder Verschärfungen nötig werden sollten. Dabei ist mir eines wichtig: Sondermaßnahmen für die Schulen, gar strengere Regeln an den Schulen als in anderen gesellschaftlichen Bereichen darf es nicht geben. Denn die vergangenen Monate haben auch ein Gutes gehabt: Sie haben allen den einzigartigen, unverzichtbaren Wert schulischer Bildung vor Augen geführt. Diesen Wert zu verteidigen, bleibt unser oberstes Ziel.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!