von Durs Grünbein

Die große Überforderung

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Virus unter dem Mikroskop
© Arek Socha/Pixabay

Das ganze ist wie ein Alptraum, aber einer der sich bei Tage abspielt, aus dem es kein Erwachen gibt, ein Alptraum, der nicht mehr aufhört. Ein Erreger rast um die Welt, infiziert Millionen, tötet Hundertausende, und in welches Ausland du auch kommst, er ist immer schon vor dir da. Allgegenwärtig hängt er als Drohung in der Luft, buchstäblich in Form von Aerosolen, die auf der Nase tanzen und zur sozialen Distanz zwingen. Bis in die feinsten Verästelungen des Alltags zwingt dieser unsichtbare Gegner den Menschen seinen Stil auf, wie etwas, das einen eigenen Willen hat. Zumindest eine eigene Biostrategie, die wir erst nach und nach entschlüsseln.

Die Welt hat nur noch ein Thema, die Nachrichten treten auf der Stelle, seit Monaten gibt es nur noch die eine Aufmacherstory, retardiert das Drama mit dem Titel COVID-19. Aber auch das Gerede darüber dreht sich nur immer im Kreise, fesselt das Denken, das für so viele Weltprobleme benötigt wird, bindet alle politischen Kräfte. Es ist ein Angriff auf vielen Ebenen, eine Multiplikation von Problemfaktoren, in jedem einzelnen Menschenleben, in der Gesellschaft als ganzer, mit tiefgreifenden Konsequenzen für das Gesundheitswesen, die Kultur und die Wirtschaft vieler Länder, ja für die Staatengemeinschaft insgesamt. Sicherlich, eine Pandemie mit einem neuartigen Influenzavirus, der dieses Mal die ganze Weltbevölkerung betrifft, fördert jede Menge Detailwissen zutage, historisch aber doch nichts wirklich Neues. Oder zeichnen sich jetzt schon Lernprozesse ab, die uns wappnen könnten gegen die nächste Kollektion todbringender Viren aus den Laboren der Natur (oder denen des Menschen, die es offiziell gar nicht geben darf)?

Welche Rolle spielt nun Italien in dieser Weltkatastrophe, die in China, dem Reich der Zukunft, ihren Anfang nahm? China muß hier erwähnt werden, weil es eine intensive, sehr direkte Verbindung zwischen den beiden Ländern gibt. Eine sehr alte übrigens, für die der Name Marco Polo steht, des asienreisenden Venezianers, der als erster Kunde brachte vom chinesischen Kaiserhof (und dessen Lebensdaten sich fast aufs Jahr genau mit denen des größten kulturellen Stichwortgebers Italiens decken, Dante Aligheri). Die abstrakte Chiffre Globalisierung löst sich auf, wenn man sich konkrete Erscheinungen wie die im Hafen von Neapel ankommenden riesigen Containerschiffe, die ihren Inhalt – Spielwaren, Elektronik, Nahrungsmittel, Bekleidung made in China regelmäßig über ganz Europa ergießen – oder die großen Textilfabriken in der Toscana mit Prato als Hochburg, Mailand als Umschlagplatz vergegenwärtigt. Auch unser römisches Wohnviertel Esquilino, die Umgebung des Hauptbahnhofs Stazione Termini, könnte man dazuzählen und leicht für ein weiteres Chinatown halten, wie es sie in etlichen europäischen Hauptstädten längst gibt. Dort gibt es die üblichen Shops für Handyhüllen, Koffer und Kochgeschirr, chinesische Restaurants haben nach und nach die alten Trattorien und Pizzabäckereien ersetzt. Das erste, wenn wir von Berlin kommen, ist immer der Gang zum Friseursalon Ping, wo die ganze Familie akkurat die Haare geschnitten und frisiert bekommt, für einen Bruchteil des Preises, den man dafür zuhause bezahlen müßte. Übersetzt in New-York-Verhältnisse: das Lebensgefühl gleicht dem in der Canal Street in Lower Manhattan. Eine Dunkelziffer besagt, daß in Italien bis zu fünfhunderttausend Chinesen leben, viele davon illegal, wie es heißt. Aber in Italien gibt es keinen chinesischen Friedhof, haben uns einmal Freunde erklärt. Die verstorbenen Chinesen verschwinden, wer weiß wohin. Aber für jeden reist ein Nachfolger ein, mit dem Reisepaß des Verstorbenen. Nur ein Gerücht?

China schien wohl die falsche Spur (Wikipedia). Bis heute blieb der ominöse Patient Null, so nah seine Herkunft auch lag, unidentifiziert. Infiziert, um beim Wortspiel zu bleiben, hat sich das Land, sagen Skeptiker der China-These, auf anderen Wegen als auf denen der modernen Seidenstraße, von der Italien sich zuletzt die allergrößten Gewinne erhoffte. Wir wissen bis heute nicht genau, welche Initialwege der Virus ging, und nun ist es auch egal. Fest steht nur, es begann in der Lombardei. In einer Altershochburg wie Bergamo, der schönen Mittelalterstadt auf dem Hügel, gab es die ersten Gruppeninfektionen, und von da kamen die Bilder mit den vielen Särgen, die um die Welt gingen und sich einbrannten. Schuld an der Misere sei die Verlegung von Viruspatienten in Altenheime gewesen, sagt ein anderes Gerücht, das sich hartnäckig hielt. Gerüchte in Zeiten von Corona haben eine lange Laufzeit, noch länger dauert ihre Falsifizierung. Was fehlt, sind bis heute abschließende Untersuchungsberichte. Eines Tages wird es wohl das Standardwerk The History of Covid-19 geben, die große Monographie, die unseren Enkeln die Augen öffnet. Merkwürdig nimmt sich in diesem Zusammenhang ein Goethegedicht aus, das mich immer amüsiert hat wegen seines neckischen Chauvinismus, der mehr von der damaligen Unkenntnis der Kulturen als von Überheblichkeit zeugte: »Der Chinese in Rom«. Es hebt an in antiken Hexametern: »Einen Chinesen sah ich in Rom; die gesamten Gebäude / Alter und neuer Zeit schienen ihm lästig und schwer.« Um dann in eine Konklusion zu münden, die uns zufällig zurückführt zum Hauptthema: » Siehe, da glaubt ich, im Bilde so manchen Schwärmer zu schauen, / Der sein luftig Gespinst mit der soliden Natur / Ewigem Teppich vergleicht, den echten, reinen Gesunden / Krank nennt, daß ja nur er heiße, der Kranke, gesund.«

Gesund und krank, echt und rein, solide und luftig – was läge näher, als diese Stichworte aus einem ganz anderen Kontext, mit all ihren fürchterlichen Implikationen, auf die gegenwärtige Situation zu übertragen?

Die größte Umwälzung unserer Zeit, der Fortschritt in Form einer ungehemmten wirtschaftlichen Globalisierung, bringt ihre eigenen Katastrophen hervor. Mit Sicherheit verkürzt sie die Übertragungswege für alles: Ideen, Produkte, Viren. Ich rieb mir die Augen seinerzeit, als Wuhan zuerst in die Schlagzeilen geriet: eine chinesische Industriestadt, von der ich bis dahin noch nie gehört hatte. Und mir nichts dir nichts war das gefährliche Virus, das dort auf einem Tiermarkt von einem exotischen Lebewesen auf den Menschen übergesprungen war, schon in Bayern angekommen. Und was war die Verbindung? Ein mittelständisches Unternehmen, Hersteller eines so überaus nützlichen Produktes wie Cabriodächer, der seine Produktion aus Kostengründen nach China verlagert hatte wie alle anderen, wird durch den Mitarbeiteraustausch zum Einfallstor einer Pandemie. Cabriodächer! Das sind diese schwarzen, falt- oder rollbaren Überzieher aus einem Material, das an Fledermausflügel erinnert. Man verzeihe mir die rege Phantasie, aber das Assoziieren geht nun einmal eigene Wege. Die Frage war ab dann nur noch: An welchen Orten, auf welchen globalen Pfaden würde der unsichtbare Erreger aus den Fledermaushöhlen in der Provinz Wuhan uns als nächstes auflauern? Hier aber bot sich Italien an, das Land mit der intensivsten Verstrickung in den Chinahandel. Aber wie gesagt, nichts Genaues ist uns bekannt.

Die Weltgesundheitsorganisation hat sich sofort den viel weiterreichenden Realitäten gestellt. Das Problem des Verursacherprinzips, ein juristischer Abgrund, war bald vom Tisch, als die Staatsführer beim Gipfeltreffen der G7 darüber keine Einigung erzielten. Die offizielle Sprachregelung im Kommuniqué vermied bewußt jede Herkunftszuweisung, ganz anders als bei vergleichbaren Industrieprodukten. Bis heute ist Covid-19 nichts, das stolz auf T-Shirts prangt, wenn auch ein echtes Markenzeichen. Nur daß hier keiner auf das Copyright pocht, während alle Nationen sich darum bemühen, Importbeschränkungen einzuführen. Nun ist der Wettlauf um das Patent für den Impfstoff eröffnet. Die gute Nachricht: Es herrscht das Prinzip Kapitalismus, und der sucht, wo er kann nach neuen Gewinnchancen. Auch die Gesichtsmasken, zumeist aus China, verkaufen sich gut. Hinzufügen könnte man, was Vergil als Schreckensbild für den totalen Schiffbruch dichtete, zur Qual der Lateinschüler aller Zeiten, Buch I, Aeneis: rari nantes in gurgite vasto. Wenige Schwimmer nur entkommen dem weiten Strudel.

Mann und Maus gehen unter in solchen Zeiten. Den Mittelstand rafft es dahin, Kleinunternehmer, Handwerker, Restaurant-, Kino- und Nagelstudiobetreiber, all jene, die auf direkten Kundenverkehr angewiesen sind. Profitiert haben die Lieferfirmen, die von den Infektionsketten abgekoppelt, im luftigen Wirtschaftsraum weiteragieren und nun auch munter expandieren. Die Online-Wirtschaft, Bestellfirmen machen Millionendeals, Streamingdienste boomen. Auch in Italien, Land der gastfreundlichen Gastronomie, sieht man jetzt überall die Fahrradsklaven über den Lenker gebeugt, auf dem Rücken die schwankenden Transportbehälter. Im Straßenbild Roms fehlen die Touristenbusse, im Supermarkt geht es zu wie in einem Dorfladen.

Wir waren also wieder in Italien, endlich. Nach Wochen des Lockdowns und der gestrichenen Flüge war der Sommer gerettet. Die Pistole an der Stirn, an der Gangway der Fähre zur Insel, im Museum bei der Raffael-Ausstellung, nur online bestellbar, und den lustigen Handy-Detektor bei der Ausreise am Flughafen Fiumico nimmt man als Zeichen der Zeit in Kauf. Was wir erlebten, war die Ruhe nach einem Sturm. Vergessen die Hysterie der Staatsführer, deren Nerven blank lagen, als die Furie zu wüten begann. Man kann nur hoffen, daß dem amtierenden Ministerpräsidenten Giuseppe Conte, als Parteiloser eine Lichtblickfigur im System, sein kluges Agieren in der Krise bei den nächsten Wahlen angerechnet wird. Der Mann hat sein Bestes gegeben. Denn die Unsicherheit aller, nicht nur der Verantwortlichen, die Defensive der Fachspezialisten, die Imkompetenz der Betroffenen, des großen Publikums in Sachen Corona, ist nun einmal die Realität. Technische Überforderung bei permanenter sozialer Renitenz gegen das Notwendige. Klar, wir wollen nicht, daß mit uns umgesprungen wird. Daß unbegreiflich bleibt, ob die getroffenen Maßnahmen überhaupt greifen.

Und schon machen die Populisten und Europafeinde wieder mobil. Reden von einer Verschwörung der Ärzte – wie Stalin, als es ihm gesundheitlich an den Kragen ging und die Allmacht zu bröckeln begann. Jüngster Trumpf der italienischen Rechten: In einigen der Flüchtlingslager war es zu Coronainfektionen gekommen. Hilfe, die Fremden stecken uns an! Wir erinnern uns auch der Vorwürfe wegen unterlassener Hilfeleistung von Seiten Deutschlands. Die auch die positiven Nachrichten, Akte spontaner Nachbarschaftshilfe, Krankenhäuser, die italienische Intensivpatienten aufnahmen, nicht auszubügeln vermochten. Dann kam die große Geldverteilung beim EU-Gipfel in Brüssel. Die deutsche Kanzlerin bekannte sich zur europäischen Solidarität – und beging dann den diplomatischen Fehler, Italien Reformen im Gesundheitswesen vorzuschlagen. Wer als unbeirrbarer Europaträumer, Pendler zwischen den Ländern unterwegs ist, fuhr also mit einem einigermaßen mulmigen Gefühl in den Süden.

Um dann festzustellen: alles hatte sich beruhigt, zumindest oberflächlich betrachtet. Rom gehörte wieder den Römern, das Straßenleben war merklich abgebremst und gelichtet, aber Jung und Alt waren präsent, erleichtert saß man in den Cafés, spazierte unter Pinien, wagte sich wieder an die Strände. Selbst auf der kleinsten Mittelmeerinsel waren die Sonnenschirme und Liegen alle vermietet.

Allen war etwas feierlich zumute, man war erleichtert nach den Monaten der Ausgangssperre, wie man sie nur aus den Erzählungen vom Ende des Zweiten Weltkriegs kannte, als Italien plötzlich besetzt war von seinen ehemaligen Waffenbrüdern. Hitlers Grausamkeiten sind als Mißtrauen ins kollektive Gedächtnis der Italiener eingebrannt, wie oft haben wir ihre Nachwirkungen zu spüren bekommen. Ich erinnere mich, wie Norbert Lammert mir einmal von den Schwierigkeiten erzählte, sich auf parlamentarischer Ebene auch nur um ein paar Höflichkeitsmillimeter näherzukommen. Die Tiefenignoranz findet sich auf beiden Seiten, bis heute.

Das Schlimmste war nun vorbei, aber der Fluch war längst nicht gebannt. Die Alten waren in ihren Wohnungen gestorben, unter unwürdigsten Bedingungen sind sie begraben worden. Viele unserer Bekannten hatten einen Angehörigen verloren, die Todesrate war höher als irgendwo in der Welt. Italien hatte es am härtesten erwischt. Warum, das müssen die Historiker herausfinden. Meine Spekulationen zählen hier nicht.

Jetzt aber Roma aperta, Gelächter am Abend auf der Piazza in Monti, der angesagte Eisladen ist umlagert wie nie. Was fehlt, sind die Touristenmassen zwischen Colosseum und Piazza del Popolo, kein Massenandrang am Trevibrunnen. Russen, Chinesen, Amerikaner sucht man vergeblich auf der Piazza Navona. Aber fehlen sie denn wirklich, fragt sich der Snob, die Rucksackpilger, die sonst in Schwärmen mit ihren 19€-Tickets hier einfielen und so liebenswert albern mit ihren Selfiesticks hantierten, wenn sie vorm Vittoriano an der Piazza Venezia oder vorm Pantheon sich selbst ihren Facebook-Kameraden präsentierten, für einen Augenaufschlag, und dann schnell wieder weg? Wer bin ich denn, die Sehnsüchte der anderen zu beurteilen? Ich weiß nur, daß mir Rom besser gefällt, wenn es nicht so vollgestopft ist. Das ist die Eifersucht des Liebhabers, der glaubt, ein Anrecht auf eine Beziehung zu haben. Das ist natürlich lächerlich, wenn es sich um eine Weltmetropole handelt. Berlin hat mich gelehrt, alles was ist zu nehmen wie es kommt (oder umgekehrt).

Die meisten Hotels hatten geschlossen, hunderte Bed-and-Breakfast-Pensionen waren eingegangen. Allein in unserem Mietshaus sind im Zuge dessen mindestens drei Wohnungen wieder freigeworden. Das Hämmern und Bohren und Möbelrücken aber ging sofort weiter. Baulärm wie immer, nur diesmal in Richtung Rückbau, Einschränkung, Besinnung aufs Eigene. Stühle und Tische wurden auf das Trottoir gestellt, die Bar nebenan mit den netten Wirtsleuten, bei denen wir manchmal unseren Hausschlüssel deponieren, fischte nach neuen Kunden und hatte bis Mitternacht geöffnet. Es kam zu ungewöhnlichen Verbrüderungen. Auch der Buchhändler vom Punto Einaudi (mein Turiner Hausverlag), kam vorbei und begrüßte uns wie die Narren an Deck eines alten Schiffes, das uns durch die Nacht mit ihren europäischen Stromschnellen trug, gute alte Bekannte. Während die Konkurrenz, die unbekannten chinesischen Nachbarn, ihre Rollläden heruntergelassen hatte und in sicherer Entfernung darauf wartete, daß der Ausverkauf Roms demnächst wieder beginnen konnte. Eine Pause im Globalisierungsprozeß?

Entflechtung wäre zumindest ein positiver Nebeneffekt im Coronajahr 1. Aber wird es so bleiben, fragt man sich bang? Werden die Kreuzfahrtschiffe Venedig nun für immer verschonen? Wohl eher nicht. Du mußt dein Leben ändern, ist sicher keine Maxime für die Menschheit im Ganzen. Weshalb auch Revolutionen in der Klimapolitik nicht ad hoc zu erwarten sind – es ist sehr still geworden um Greta Thunberg, die Jeanne d’Arc der weltweiten Bewegung Fridays for Future. Der Virus schert sich nicht um den Fortschritt, er überspringt alle Klimazonen und alle Wochentage.

„Gestern, heute, morgen“ – das Italien, das ein Vittorio de Sica in seinem Episodenfilm inszenierte, warum sollte es ausgerechnet mit dem Umbruch im Jahre 2020 (annus Corona 1) so anders werden? Einer wie Pasolini hatte die Immunschwäche seines Landes früh erkannt und beklagt. Zuletzt erschien ihm der Konsumismus seiner Landsleute sogar schlimmer als ihre Ursünde des Faschismus.

Die wievielte Regierung seit Kriegsende hat gerade das Sagen? Wen interessiert das? Ferragosto steht vor Tür, die Familien sind zum Urlaub in alle Landesteile verstreut. Es ist Sommer, und das Parlament mit den höchst bezahlten Politikern in Europa hat wieder einmal Pause. Es bleibt dabei: Im Norden denkt man sich Politik als Altruismus, hier geht es um Klientelismus. Das Geld, das aus Europa fließt, wird zur Verteilung an die eigenen Leute verwendet. Es dient dem Zusammenhalt, und nur ein Fremdling gebraucht dafür das häßliche Wort Korruption. Und schließlich, sagen die Landespolitiker, habe man selber auch kräftig eingezahlt. O forse no?

Palazzo Montecitorio: Man kann die Vespa vor dem Parlament an der Einmündung zur Fußgängerzone Via del Corso parken, ohne daß einem irgendein Uniformierter zu nahe tritt. Wir brausen durch den Verkehrsstrom, als wäre alles wie immer. Die Stadtverwaltung nutzt die Gunst der Stunde, um die Straßen auszubessern. Das holprige Pflaster der Via Cesare Battisti (ein Österreicher, im Ersten Weltkrieg auf Seiten Italiens gegen Österreich kämpfend und dort als Hochverräter erschossen) wird endlich asphaltiert. Der Zugang zur Straße der Kaiserforen ist militärisch gesperrt. Dort stehen seit den Drohungen der Islamisten gegen christliche Denkmäler Soldaten der Esercito Italiano bereit und weisen außer Taxis und Radfahrern jeden ab, der motorisiert zum Colosseum passieren will. Wie immer sind alle Hauptkirchen der Heiligen Stadt für die Bombenleger gesperrt.

Nicht nur Rom ging seinen Gang, als sei alles wie immer, inklusive des gewöhnlichen Terrors, auch das bißchen Provinz, das wir bereisten in diesem Sommer. Man staunt immer wieder, wie unverwüstlich, selbstbewußt, weltunabhängig, und auch im Leid souverän und familiär abgefedert alles hier abläuft. Die Lage ist so prekrär wie die europäische Situation insgesamt, nicht erst in Zeiten von Corona. Kein günstiger Moment für Ideale und hehre Träume. Kein Außenstehender kann beurteilen, was als nächstes politisch geschehen wird. Mir ist das Land in seiner vulkanischen Impulsivität, seiner Zerrissenheit von Dante bis Pasolini immer als ein Musterfall der allgemeinen europäischen Erfahrung erschienen. Italien war stets der Vorreiter, Pionier im Guten wie Schlechten, und das seit der Antike. Was will man den Italienern von Politik erzählen?

Das Essay ist am 21. August 2020 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen. 

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