Bildungsauftrag im Kontext der Luftbrücke Berlin | Informationsportal Hessen
20. Jahrhundert

Bildungsauftrag im Kontext der Luftbrücke Berlin

Nach Erlebnissen meiner Eltern

Manfred Kuras mit seiner Mutter
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Manfred Kuras mit seiner Mutter.
© Manfred Kuras

Meine Eltern lernten sich während ihres Studiums am Institut für Lehrerbildung in Schwerin kennen. Ihre erste Anstellung als Lehramtsbewerber führte sie am 1. Mai 1948 nach Bad Doberan, meinem Geburtsort in Mecklenburg. Für meinen Vater (Heinrich Kuras, geb. 1919) und meine Mutter (Irmgard Kuras, geb. 1927) begannen ihre Praxiserfahrungen an der Goethe- bzw. der Pestalozzischule.

Mein Vater wurde nach dem Abitur zum Kriegsdienst bei der Marine eingezogen und war in den letzten Monaten des Krieges an der Evakuierung von Soldaten und Flüchtlingen über die Ostsee beteiligt. Seine Erfahrungen mit dem verbrecherischen Regime des Nationalsozialismus, die Schrecken des Krieges, das unendliche Leid der Frauen, Kinder und älteren Menschen auf der Flucht, führten bei ihm zu einer kritischen Haltung gegenüber diktatorischen Maßnahmen.

„Nie wieder Kriegsdienst“ - „Nie wieder Diktatur“ war das Credo beider Eltern.
Der Druck auf die Schulamtsbewerber, sich voll für das kommunistische System einzusetzen, wurde ab 1949 unerträglich. Eine aktive Beteiligung beim Aufbau der FDJ [Freie Deutsche Jugend] wurde verlangt, um als Neulehrer eine Anstellung zu bekommen.
Sie sahen nur einen Ausweg: Flucht in die West-Zonen. So verließ die junge Familie mit einem halbjährigen Säugling am 24. April - noch vor Gründung der DDR - Bad Doberan mit dem Ziel West-Berlin.

Da zu dieser Zeit Berlin nur über die Luftbrücke versorgt wurde, verschärften sich durch den zusätzlichen Flüchtlingsstrom die Lebensbedingungen in der abgeriegelten Stadt erheblich. Eltern mit Babys erhielten das Vorrecht, mit den leeren Transportflugzeugen ausgeflogen zu werden. Der fotografierte Interzonen-Reisepass dokumentiert unseren Royal Air Force-Flug am 29. April 1949 von Berlin nach Celle.

Beim Festakt zum 60-jährigen Jubiläum der Luftbrücke 2008 auf dem Flugplatz Wiesbaden-Erbenheim erinnerte sich der ehemalige Pilot Eve Moore an den sogenannten „Baby-Lift“ und gab mir eine Widmung auf das Airlift-Poster. 

Die Prüfungen in der Ostzone wurden in der jungen BRD nicht anerkannt, sodass erneute Studienabschlüsse zur Ausübung des Lehrerberufs meiner Eltern absolviert werden mussten. 1959 verstarb mein Vater nach langer schwerer Krankheit.
Meine Mutter wurde zunächst als technische Hilfslehrerin eingestellt und legte erst 1970 die 2. Staatsprüfung für das Lehramt an Grund-, Haupt- und Realschulen ab. Sie übte ihren Lehrerberuf in Hessen bis zur Pensionierung mit großem Engagement aus.

Meine Mutter und ich möchten den englischen und amerikanischen Piloten herzlich danken, denn ohne deren unermüdlichen und selbstlosen Einsatz wäre wahrscheinlich die Nachkriegsgeschichte Deutschlands und unserer Familie anders verlaufen.
Dass junge Menschen in einem freiheitlich demokratischen Rechtsstaat ihre gesellschaftliche Verantwortung erkennen, wurde auch Grundlage meines pädagogischen Handels.                                        

Manfred Kuras, StD a.D.
Herborn, 03.02.2018

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