Georg August Zinn

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Georg August Zinn
© Josef Heinrich Darchinger

Nach der Landtagswahl vom November 1950, bei der die SPD die absolute Mehrheit errungen hatte, wurde von den Parteigremien überraschend nicht der Wahlsieger Christian Stock (für eine weitere Amtszeit) als Minis­terpräsident vorgeschlagen, sondern der Bundestagsabgeordnete Georg August Zinn, der die Hoffnungen auf einen raschen Wiederaufbau Hessens wie kein Zweiter verkörperte.

Justizminister nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs

Der am 27. Mai 1901 in Frankfurt-Sachsenhausen geborene Ingenieurssohn Zinn lebte seit dem Ende des Ersten Weltkriegs in Kassel und trat schon während seines Jurastudiums der SPD bei. 1931 legte er sein zweites Staatsexamen ab und arbeitete danach als Rechtsanwalt. Bereits 1929 war er in die Kasseler Stadtverordnetenversammlung gewählt worden, wo er sich mit den Nationalsozialisten unter dem späteren Blutrichter Roland Freisler auseinandersetzen musste. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde Zinn in ‚Schutzhaft‘ genommen und konnte nach seiner Freilassung nur noch eingeschränkt arbeiten. Obwohl er unter Beobachtung durch die Gestapo stand, hielt er Kontakt zu Widerstandsgruppen, bis sein Bruder Karl, der dem sozialdemokratischen ‚Roten Stoßtrupp‘ angehört hatte, im Oktober 1933 vom ‚Volksgerichtshof‘ zu sieben Jahre Zuchthaus verurteilt wurde. Den Zweiten Weltkrieg erlebte Zinn als Soldat in Frankreich und an der Ostfront mit. Nach seiner Rückkehr aus amerikanischer Gefangenschaft wurde er im Oktober 1945 im Kabinett Geiler hessischer Justizminister und einer der hessischen Vertreter im Parlamentarischen Rat in Bonn, wo er intensiv an der Abfassung des Grundgesetzes beteiligt war. 1949 zog er als direkt gewählter Abgeordneter in den ersten Bundestag ein und wurde schon kurz danach überraschend hessischer Ministerpräsident.

Mit der Vereidigung des Kabinetts am 10. Januar 1951 begann eine neue Ära, die Hessen zu einem wirtschaftlich und kulturell fortschrittlichen Bundesland machte. Eugen Kogon charakterisierte den Regierungsstil Zinns als „durch und durch modern: systematische Beobachtung, wissenschaftliche Analyse, ständige Beratung durch die Beteiligten und Betroffenen, Rationalisierung des Verwaltungsapparates, Rahmenplanung mit Dringlichkeitsstufen, Schwerpunktbildungen. Mit den jeweils zu Beginn der Regierungsperioden bekannt gegebenen ‚Hessenplänen’ erreichte er eine langfristige Vorausschau in der Erneuerung, Festigung und Weiterentwicklung“.
Seine von ihm so bezeichnete „Politik der sozialen Verantwortung“ setzte in einem wirtschaftlich prosperierenden Bundesland auf den Bau von Wohnungen und Gemeinschaftseinrichtungen. Jedem Kind sollte eine angemessene Schulausbildung ermöglicht werden.

Initiator des jährlichen Hessentags

Um alle Hessen näher zusammenzubringen und um das Bewusstsein für Hessen als gemeinsames Heimatland zu stärken, wurde 1960 von ihm ein Fest angeregt, für das es in Deutschland kein Vorbild gab: der Hessentag. Er sollte, so Zinn, „den Heimatvertriebenen und Flüchtlingen zeigen, dass wir alle in einer Gemeinschaft leben, die Platz für jeden hat“. Eine große Leistung der Ära Zinn ist die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Integration der knapp 700.000 Heimatvertriebenen.
Besonders triumphal fiel die Landtagswahl im November 1962 aus, bei der Zinn mit dem Slogan „Hessen vorn“ angetreten war. Die SPD erreichte 50,8 Prozent und damit eine komfortable absolute Mehrheit. Dominierendes Thema des Wahlkampfs war der „Große Hessenplan“ gewesen, der schließlich 1965 vorgelegt wurde und die Entwicklungslinien für die nächsten zehn Jahre festlegte. Aus dem Ministerpräsidenten war der Landesvater geworden, dem die SPD sekundierte. „Mit der Zeit“ so der Historiker Michael Müller, „wurden Zinn und Hessen, aber auch die SPD und Hessen Synonyme, die als Ausweis für sozialdemokratischen Erfolg und eine moderne Politik standen“.

Als es 1969 in Bonn zu bedeutenden Veränderungen kam und die SPD mit Willy Brandt erstmals den Bundeskanzler stellte, hatte Zinn sein Amt gerade aus gesundheitlichen Gründen an seinen Nachfolger Albert Osswald übergeben. Aus der Öffentlichkeit zog er sich weitgehend zurück. Zinn starb am 27. März 1976 in Frankfurt.