Rosemarie Fendel

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Rosemarie Fendel
© Deutsches Filminstitut, Frankfurt

An Ruhestand dachte sie nie. Noch mit 85 Jahren stand sie vor der Fernsehkamera und wirkte an Hörfunkproduktionen mit. Ihren letzten Auftritt hatte sie vier Wochen vor ihrem Tod in der Hörspielfassung des Bestellers Der Hundertjährige von Jonas Jonasson. In den Aufnahmestudios des Hessischen Rundfunks lieferte sie sich einen fetzigen Dialog mit Matthias Habich, der die Titelrolle sprach. Anfang 2013 war sie in dem ZDF-Dreiteiler Das Adlon als neunzigjährige Erzählerin zu sehen, die vor allem mit ihrer Stimme, manchmal aber auch im Bild, durch die Geschichte des Hotels führte. Für viele Zuschauer und manchen Kritiker waren ihre Auftritte die Höhepunkte der mit großem Aufwand produzierten Fami­liensaga.

Rosemarie Fendel füllte jede Rolle voll aus

Das lag an ihrer ungeheuren Präsenz, die Rosemarie Fendel auch dann hatte, wenn sie nur für wenige Sekunden zu sehen war. Wenn sie Theater spielte, kam sie nicht einfach auf die Bühne, sondern sie betrat einen Raum, den sie, mochte er noch so groß sein, mit wenigen Gesten und Worten dominierte. „Die Präsenz und Präzision der Fendel, ihre Schwerelosigkeit, die doch so viel Gewicht hatte, hypnotisierten“, schrieb Dieter Bartetzko in seinem Nachruf für die FAZ. Ihre schauspielerischen Möglichkeiten schienen unbegrenzt. Mit gleicher Intensität war sie die vor dem Ruin stehende Gutsherrin in Tschechows Kirschgarten und die leicht tumbe Ehefrau eines Fernseh-Kommissars. Sie füllte jede Rolle voll aus und gab jeder Figur, die sie spielte, Charakter und Stimme.

Romanlesungen für Radio und Hörbücher

Gerade mit ihrer Stimme konnte sie virtuos umgehen. So war sie seit 1948 auch als Synchronsprecherin gefragt. Sie lieh ihre Stimme immer wieder Elisabeth Taylor und Jeanne Moreau, aber auch Gina Lollobrigida, Simone Signoret und vielen anderen. Hörspielen und Romanlesungen für das Radio und für Hörbücher galt ihre nicht allzu versteckte Liebe. Dabei bevorzugte sie die großen nordischen Autoren, Hamsun und Lagerlöf zum Beispiel. Allein oder mit ihrer Tochter Susanne von Borsody, die auch eine bekannte und hoch geschätzte Schauspielerin geworden ist, veranstaltete sie öffentliche Lesungen, zuletzt mit Texten von Mascha Kaléko. Von Beginn an und über fünfzehn Jahre war sie Jurymitglied der hr2-Hörbuchbestenliste mit einem klaren Ohr dafür, wie andere lasen. Rosemarie Fendel hatte als Lehrerstochter am 25. April 1927 in (Koblenz-)Metternich das Licht der Welt erblickt, das für sie zunächst nicht besonders hell leuchtete. Ihre Eltern trennten sich, als sie zwei Jahre alt war. Sie verbrachte einen Teil ihrer Jugend in Böhmen, wo ihre Mutter herstammte. Dort machte sie auch ihr Abitur. Gern erzählte sie die Anekdote, dass sie ihren Mitschülerinnen im Handarbeitsunterricht vorlas, um der Strickerei zu entgehen.

Karrierebeginn an Münchner Kammerspielen

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nahm sie bei Maria Koppenhöfer Schauspielunterricht und debütierte an den Münchner Kammerspielen als Blumenmädchen in Girodoux‘ Die Irre von Chaillot. Danach arbeitete sie an verschiedenen Theatern, u. a. in Tübingen, bei Gustaf Gründgens in Düsseldorf, in Darmstadt und wieder in München. In Berlin und Wien führte sie auch selbst Regie. 1980 kam sie an das Frankfurter Schauspiel, wo ihr damaliger Lebensgefährte Johannes Schaaf Intendant war. (Ihre Ehe mit dem Schauspieler Hans von Borsody, 1955 geschlossen, hatte nur sieben Jahre gedauert.) Rosemarie Fendel kam in ein Theater, das in zähen Diskussionen ein Mitbestimmungsmodell versuchte. Sie spielte große Rollen, die den Frankfurter Zuschauern lange im Gedächtnis blieben, zuletzt die Marquise Merteuil in Heiner Müllers Quartett. Nach ihrem Ausscheiden aus dem Ensemble blieb Rosemarie Fendel in Frankfurt und lebte als einzige private Mieterin im Höchster Bolongaro-Palast. In Film und Fernsehen war sie weiterhin begehrt.

Fernseh- und Kinoschauspielerin, außerdem Drehbuchautorin

1964 hatte sie als Sekretärin Fräulein Fuchs („Füchslein“) in der Serie Der Nachtkurier meldet ihre Fernsehkarriere begonnen. Sie spielte über einhundert Fernsehrollen, darunter in Serien wie Das Traumschiff und Familie Sonnenfeld. Als große Charakterdarstellerin war sie auch zusammen mit ihrer Tochter zu sehen, zum Beispiel 2004 in Mensch Mutter. In Margarethe von Trottas Altersdrama Die Schwestern verkörperten sie und Cornelia Frobess ein zänkisches Geschwisterpaar, das sich gegenseitig zugrunde richtet. Auch im Kino war sie regelmäßig vertreten, selten in Hauptrollen, aber dafür umso auffälliger in Nebenrollen bei Loriots Ödipussi (1987), bei Dietls Schtonk! oder bei Sams in Gefahr (2003). Daneben schrieb sie selbst Drehbücher oder, wie bei Momo (1986), an Drehbüchern mit. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Bundesfilmpreis, der Goldenen Kamera, dem Grimme-Preis, dem Ehrenpreis des Hessischen Ministerpräsidenten und dem Bayerischen Fernsehpreis. Rosemarie Fendel starb am 13. März 2013 in Frankfurt.